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Hunde im Zoo

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Psychopharmaka bei Zootieren?


Am 4. Mai 2014 erschien in der Zeitung "Die Welt" ein Artikel über den angeblich systematischen Einsatz von Psychopharmaka in deutschen Zoos. Obwohl fachlich und von der Qualität der Recherche her mehr als fragwürdig, zeigte er uns das Interesse der Politik und Bevölkerung am Einsatz von Medikamenten bei Zootieren an. Um dem zu begegnen, möchten wir interessierten Zoofreunden und Bürgern Informationen aus erster Hand zukommen lassen.

Medikamenteneinsatz bei Tieren wird behördlich geregelt und kontrolliert.
Der Einsatz sämtlicher Medikamente im Veterinärbereich, und damit auch im Zoo, ist streng reguliert und unterliegt klaren Indikationen. Er muss in einer Datenbank lückenlos dokumentiert werden, wird den Behörden regelmäßig angezeigt und von diesen kontrolliert  (z.B. Bundesopiumstelle, Veterinärbehörde). Dieser professionelle Einsatz von Medikamenten bedarf keiner Geheimhaltung vor der Öffentlichkeit, weswegen wir hier auch Originalauszüge aus unserer Datenbank veröffentlichen. Veterinärmedizin ist aber keine Wissenschaft, die im Internet erlernt wird. Daher können solche Fluten von Rohdaten ohne fachliche Kommentierung und aus dem Zusammenhang gerissen mitunter mehr Fragen aufwerfen als diese zu beantworten. Im Rahmen der aktuellen öffentlichen Diskussion, bemühen wir uns deswegen an dieser Stelle, auf die besagte Medikamentengruppe "Psychopharmaka" im Besonderen einzugehen und diese fachlich kompetent zu kommentieren.

 

"Psychopharmaka" als Bestandteil der Narkose
"Psychopharmaka" ist ein weit gefasster Begriff. Es würde den Rahmen dieser Information sprengen, auf alle verschiedenen Gruppen einzugehen. Die Medikamentengruppe, die aktuell von Interesse ist und deren weitläufiger Gebrauch den Zoos vorgeworfen wird, sind die sogenannten "Sedativa" oder Beruhigungsmittel, wozu das allgemein bekannte Valium gehört. Der Einsatz dieser Medikamentengruppe soll hier näher vorgestellt werden.
Es gibt kurz wirksame (z.B. Diazepam und Midazolam) und länger anhaltende (z.B. Perphenazin) Beruhigungsmittel. Die häufigste Anwendung solcher Medikamente kommt im Zusammenhang mit Narkosen vor, welche bei wilden Zootieren für die meisten diagnostischen und therapeutischen Eingriffe notwendig sind. Die Narkosetechniken haben sich im Laufe der Jahre drastisch weiterentwickelt: hat man früher Tiere für Eingriffe einfach ausgebunden, sind wir heute stolz darauf, auf den neusten Erkenntnissen aus der Human- und Veterinärmedizin basierende, ausgefeilte, individuell angepasste Narkosen vorzunehmen. Dazu gehört nicht nur das Immobilisieren der Tiere, sondern insbesondere auch die Stress- und Schmerzreduktion. So wird, wie auch häufig in der Humanmedizin, vor einer Narkose dem Tier ein Beruhigungsmittel übers Futter gegeben, damit die Tiere den bevorstehenden Eingriff viel gelassener nehmen und entsprechend weniger Narkosemittel brauchen, weil sie ruhig bleiben. Außerdem wirken die Beruhigungsmittel muskelentspannend und damit in speziellen Situationen sogar schmerzlindernd, weswegen sie auch während einer Narkose zusätzlich krampflösend gegen die Nebenwirkungen der Narkosemittel eingesetzt werden.
Beruhigungsmittel bei stressvollen Situationen
Das Leben bietet immer wieder Situationen, die eine gewisse Anpassung erfordern und eventuell schwierig zu bewältigen sind. Die Mitarbeiter der Zoos kennen ihre Tiere sehr gut und arbeiten täglich daran, ihnen das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen einzelne Tiere Stress ausgesetzt sind, wie zum Beispiel ein Transport in einen anderen Zoo, ein Gipsfuß zur Therapie eines gebrochenen Beines, eine Änderung in der Gruppenstruktur oder auch nur ein starker Sturm oder Baustellenlärm. Obwohl wir immer in erster Linie daran arbeiten, die Situationen entsprechend stresslos zu gestalten oder die Tiere mit Training an neue Situationen zu gewöhnen, gibt es zum Glück in der modernen Medizin die Möglichkeit, Tiere zu unterstützen, wenn Stress oder Angst unvermeidbar sind. Dies ist nichts anderes als der Einsatz von Beruhigungsmittel bei tausenden von Hunden zu Jahreswechsel, um die Angst vor Feuerwerk zu lindern. Nehme wir zum Beispiel einen Zebra-Junghengst, der die Herde verlassen muss, wenn er erwachsen wird und  im Rahmen der internationalen Zoo-Zuchtprogramme an eine andere Institution weitergegeben wird. Zwar kann ein Tier durchaus mit Training daran gewöhnt werden, freiwillig in einen Anhänger oder eine Kiste zu gehen. Der eigentliche Transport aber, der u.a. verbunden ist mit ungewohnten Bewegungen und Geräuschen, und am Ende des Transportes ein neues Zuhause und neue Sozialpartner sind unvermeidliche, aufregende Situationen. Zebras (und auch viele andere Tiere) können bei Nervosität sehr ungestüm reagieren und tragen dabei ein hohes Risiko der Selbstverletzung und eines Erschöpfungszustandes, der sich negativ auf die Gesundheit der Tiere auswirken kann. Deswegen wird, je nach Temperament, einem solchen Tier vor dem Transporttag ein Beruhigungsmittel gegeben, um den Transport und das Einleben in ein neues Zuhause leichter zu gestalten.

 

Medikamenteneinsatz zur "sozialen Beruhigung" ausgeschlossen
Alle diese Einsätze von Beruhigungsmittel sind individuell auf das Tier und die Situation abgestimmt und stehen unter tierärztlicher Kontrolle. Den Einsatz von Beruhigungsmitteln als sogenanntes "social calming" ("soziale Beruhigung"), also die langzeitige Anwendung von Beruhigungsmittel, um alltägliche, insbesondere sozial fordernde Situationen zu bewältigen, lehnen wir dagegen strikt ab. Wir haben im Zoo die Möglichkeit und investieren viel darin, herausfordernde Situationen (z.B. soziale Aggressionen in einer Gruppe) für die Tiere und Anzeichen von "Fehlverhalten" (z.B. Stereotypien) zu analysieren und darauf mit geeigneten tierpflegerischen Maßnahmen und Änderungen der Haltungsbedingungen einzugehen, anstatt die Tiere medikamentös der Situation anzupassen.
Als Beispiel nennen wir an dieser Stelle die letztjährigen Probleme in unserer Gorillagruppe: Ein junges Weibchen, das in 2013 neu nach Wuppertal kam, brachte viel Unruhe in die bestehende Gruppe. Das mitunter ungestüme Verhalten der dynamischen jungen Dame überforderte die älteren Tiere offenbar. Jedes Tier reagierte unterschiedlich auf diese soziale Überforderung, der allgemeine Stress legte aber vermutlich die Grundlage für den Ausbruch einer schlimmen Durchfallepidemie, die vor allem den sozial stark geforderten Silberrücken Vimoto betraf. Anfänglich lag die Vermutung einer infektiösen Ursache nah, aber nach mehreren Monaten intensiver erfolgloser Diagnostik und Therapie wurden auch psychosoziale Komponenten (z.B. Stress als Krankheitsursache) in Betracht gezogen. Psychologische Analysen der Sozialgruppe ergaben grundsätzlich zwei Möglichkeiten: die Integration der jungen Gorilladame weiterzutreiben und die verschiedenen Tiere medikamentös bei diesem Prozess zu unterstützen oder aber die Integration abzubrechen und das Tier in eine andere Gruppe abzugeben. Die medikamentöse Unterstützung wäre nur unter der Voraussetzung eines begrenzten Zeitraums mit klaren Zieletappen und begleitendem Training der Tiere in Frage gekommen, was in  diesem Fall aus verschiedenen Gründen jedoch nicht zu realisieren war. Daher entschieden wir uns schlussendlich in Absprache mit dem Heimatzoo von MahMah und dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für die Abgabe der jungen Gorilladame in den Zoo La Valle Des Singes in Romagne, Frankreich.

 

Wir informieren offen und gerne
Mit diesen Erläuterungen und Daten haben wir einige Fragen in der aktuellen Diskussion über den Einsatz von Phsychopharmaka bei Zootieren beantwortet. Unsere Philosophie ist eine transparente und professionelle Zootierhaltung und wir freuen uns über das Interesse der Bevölkerung an unserer Tätigkeit. Wir nehmen Bedenken und Kritik ernst und beantworten im Rahmen unserer Möglichkeiten auch immer gerne Ihre Fragen.

  • Psychopharmaka bei Zootieren
  • Einsatz von Diazepam
  • Einsatz von Midazolam
  • Einsatz von Perphenazin

 

Bericht des LANUV

Die Berichterstattung über den angeblich systematischen Einsatz von Psychopharmaka in deutschen Zoos führt in Nordrhein-Westfalen zu einer entsprechenden Überprüfung des Einsatzes von Psychopharmaka bei Zootieren. Das vom Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen beauftragte Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) kommt in seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Vorwürfe entkräftet werden konnten und die Zoos sehr verantwortungsvoll und wohl überlegt mit Psychopharmaka umgehen. Den entsprechenden Auszug aus dem Jahresbericht des LANUV finden Sie hier auf unserer Webseite, den kompletten Jahresbericht erhalten Sie auf den Webseiten des LANUV (lanuv.nrw.de/landesamt/veroeffentlichungen/publikationen/jahresberichte).

Auszug aus dem LANUV Jahresbericht 2014

Die Zusammenfassung des LANUV-Berichts lautet in den Schlussbemerkungen wie folgt:

"In allen untersuchten zoologischen Einrichtungen wurden Psychopharmaka in erklärbaren Mengen vorgefunden und in einem nachvollziehbaren Umfang eingesetzt. In den Fällen, in denen Medikamente aus den in dieser Untersuchung betrachteten Stoffgruppen zum Einsatz kamen, war die Verwendung stets veterinärmedizinisch indiziert und zum Wohle der Tiere entschieden worden. Die tierärztlichen Indikationen für den Einsatz von Psychopharmaka sind vielfältig, es fand sich jedoch kein Hinweis darauf, dass der Einsatz von Psychopharmaka in zoologischen Einrichtungen genutzt wird, um insuffiziente Haltungs-, Fang- oder Transportbedingungen zu verbergen. Vielmehr werden diese Medikamente häufig genutzt, um durch einen veränderten psychovegetativen Zustand des Tieres Stress bei unvermeidbaren Geschehnissen zu vermeiden, welche zwar - beispielsweise im Falle eines Transportes - dem Wohle des Tieres dienen sollen, für das Individuum jedoch sehr unangenehm sein können. In anderen Fällen bedingt der Einsatz von Sedativa als Prämedikation einen verbesserten Narkoseablauf, während der Einsatz von hochdosierten Barbituraten eine schnelle und schmerzfreie Euthanasie unter sofortigem Bewusstseinsverlust ermöglicht. Es gab nur wenigen Fällen, bei denen Psychopharmaka im "klassischen", gemeinhin bekannten Sinne zur Modellierung des psycho-vegetativen Zustandes bei Tieren, die mit Ihrer Haltungssituation kurzzeitig aufgrund von Ausnahmesituationen überfordert waren, eingesetzt wurden. In diesen Fällen wurde der Einsatz von Psychopharmaka über einen begrenzten Zeitraum von den beteiligten Zootierärzten sehr sorgfältig - bis hin zur Zuhilfenahme von Humanpsychiatern - geprüft und erst nach Ausschöpfung sämtlicher potentiell weniger stark eingreifenden Maßnahmen entschieden."

 

 

 

 

Stellungnahme zur Schimpansenhaltung

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Haltung und Pflege von Tieren in Zoologischen Gärten

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